30 000 Menschen haben Ende Mai 1832 auf dem Hambacher Fest die „vereinigten Freistaaten Deutschlands“ in einem „konföderierten republikanischen Europa“ gefordert. Dieser Ruf nach einer republikanischen Verfassung, nach wirklicher Pressefreiheit, Abschaffung der Zensur und nationaler Einheit verhallt auch in dem politisch rückständigen Kurfürstentum Hessen nicht ungehört. Am 22. Juni 1832, also nicht einmal vier Wochen nach dem Hambacher Fest, versammeln sich über 8000 Menschen im Park von (Hanau-)Wilhelmsbad. Der Burschenschafter Heinrich Brüggemann hät eine feurige Rede gegen die Adelsherrschaft und gegen die Macht der Mätressen, womit er die Geliebte des Kurfürsten meint.
Der Frankfurter Schriftsteller Wilhelm Sauerwein, der schon am Hambacher Fest teilgenommen hat, verkauft sein satirisches ABC-Buch der Freiheit, das der Hanauer Verleger Friedrich König in einer Auflage von 300 Exemplaren gedruckt hat. Die Botschaft der politischen Schrift ist, bei allem scharfen Witz, eindeutig. Sie richtet sich gegen alle, die seiner Meinung nach eine demokratische Entwicklung in Deutschland behindern. Die Provokation wird verstanden. Das ABC-Buch der Freiheit Buch lässt der Kurfürst einziehen. Sauerwein ist davon wenig beeindruckt und propagiert weiter die Revolution. Um einer drohenden Verhaftung in Frankfurt zu entgehen, flieht er im März 1834 zunächst in die Schweiz. 1835 erscheint in Biel eine neue Auflage seines ABC-Buchs der Freiheit. Schwer erkrankt kehrt er 1844 aus seinem unterdessen französischen Exil nach Frankfurt zurück, wo er drei Jahre später stirbt.
Georg Büchner
Wenn es unter den deutschen Schriftstellern des 19. Jahrhunderts einen wirklichen Revolutionär gibt, dann ist es der am 17. Oktober 1813 im südhessischen Goddelau geborene Georg Büchner. Der Arztsohn geht nach dem Abitur auf dem Darmstädter Pädagog zunächst nach Straßburg, wo er sein Medizinstudium aufnimmt. Dort lernt er auch seine spätere Verlobte Wilhelmine Jäglé kennen. Nach knapp zwei Jahren immatrikuliert er sich in Gießen, wo er das Elend der hessischen Landbevölkerung hautnah erlebt. „Ich schämte mich“, schreibt er Ende März 1834 an seine Eltern, „ein Knecht mit Knechten zu sein, einem vermoderten Fürstengeschlecht und einem kriechenden Staatsdiener-Aristokratismus zu Gefallen“. Zusammen mit dem ehemaligen Theologiestudenten August Becker gründet er die revolutionäre Geheim-„Gesellschaft der Menschenrechte“ und beteiligt sich an der Schaffung eines überregionalen „Preßvereins“ auf der Ruine Badenburg bei Gießen. Zusammen mit dem Butzbacher Pfarrer Friedrich Ludwig Weidig schreibt er 1834 anonym den nur wenige Seiten starken Hessischen Landboten, der mit dem Ausruf „Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“ beginnt. Büchner und Weidig prangern darin die unhaltbaren politischen und sozialen Zustände in dem damaligen Großherzogtum an. Die konspirativ verteilte Schrift löst eine intensive und blutige Untersuchung durch Polizei und Justiz aus. Zahlreiche Mitverschwörer werden verhaftet. Weidig stirbt im Gefängnis. Georg Büchner, unterdessen steckbrieflich gesucht, kann zunächst nach Straßburg und dann nach Zürich fliehen. Noch in Darmstadt hat er sein Revolutionsdrama Dantons Tod beendet, das wegen der Zensur 1835 nur in einer bearbeiteten Fassung erscheinen kann. In Straßburg und Zürich arbeitet Büchner an dem Lustspiel Leonce und Lena, an dem Novellenfragment Lenz und an der Tragödie Woyzeck, die unvollendet bleibt. Im Sommer 1836 reicht er in Zürich seine Dissertation über das Nervensystem der Flussbarbe ein. Im Oktober übersiedelt er als politischer Flüchtling der „Sonder-Klasse“ nach Zürich, wo er am 19. Februar 1837 an Typhus stirbt.
Die Zensur in der Büchner-Zeit
Als die Herrschaft Napoleons in Europa mit der Schlacht bei Waterloo zu Ende gegangen ist, entsteht 1815 auf dem Wiener Kongress eine neue politische Ordnung. Statt eines Kaisers gibt es den Deutschen Bund mit 35 souveränen deutschen Fürsten und den vier Freien Städten Hamburg, Bremen, Lübeck und Frankfurt. Die Gesandten der deutschen Staaten treffen sich in Frankfurt, um gemeinsame Beschlüsse zu fassen. Einer dieser Beschlüsse hat weitreichende Folgen für die Vorkämpfer der Demokratie in den deutschen Staaten.
Durch die 1819 verabschiedeten „Karlsbader Beschlüsse“ wird vom Deutschen Bund die Zensur eingeführt. Sie liefern den gesetzlichen Rahmen für das Verbot von demokratischen und revolutionären Schriften. Alle Schriften mit weniger als 320 Seiten müssen vor dem Druck den Zensurbeamten vorgelegt werden. Die entscheiden dann darüber, ob eine Schrift mit oder ohne Streichungen veröffentlicht werden darf oder ganz verboten wird. Dickere Bücher werden erst nach dem Erscheinen überprüft. Wer die Zensur umgeht wie Büchner und Weidig mit ihrem Hessischen Landboten muss mit harten Strafen rechnen. Belangt werden aber nicht nur die Autoren, sondern auch Redakteure, Drucker und Verleger.
In jedem Bundestaat werden Zensurbehörden eingerichtet. Über allem wacht zunächst die Mainzer „Zentraluntersuchungskommission“ und seit 1833 die „Bundes-Centralbehörde“ in Frankfurt am Main mit einem Heer von Spitzeln. In einer Art Leistungsbilanz aus dem Jahr 1838 weder die politischen Aktivitäten von Weidig und Büchner breit dokumentiert. Der „Hessische Landbote“, heißt es darin, sei eine „an Bösartigkeit“ herausstechende Flugschrift. Der vor allem in Dörfern verteilte Landbote wird als so gefährlich angesehen, dass schon sein Besitz strafbar ist.
Friedrich Ludwig Weidig
Der am 15. Februar 1791 in Obergleen geborene Friedrich Ludwig Weidig wird nach seinem Theologiestudium an der Gießener Universität Rektor einer Knabenschule in Butzbach.
Seit 1814, als er die „Deutsche Gesellschaft“ in Butzbach mitgegründet hat, ist Weidig immer wieder verhört worden. Zunächst glaubt er noch daran, auf friedlichem Weg etwas verändern zu können. Aber nachdem 1832 als Reaktion auf das freiheitliche Hambacher Fest die Presse-, Vereins- und Versammlungsfreiheit in Deutschland aufgehoben worden ist, radikalisiert sich der als höflich und herzlich beschriebene Weidig. Er wird zum unbestrittenen Führer der oberhessischen Revolutionäre. Bei ihm laufen die Fäden zusammen, er knüpft Verbindungen zu Revolutionären in Frankfurt und anderen Städten. Unter dem Pseudonym „Freimund Hesse“ bringt er von Januar bis März 1834 vier Ausgaben seines Leuchters und Beleuchters für Hessen oder der Hessen Nothwehr heraus. Das konspirativ verteilte Blatt wird zum Vorläufer des Hessischen Landboten, den Georg Büchner verfasst und den Weidig, zum Leidwesen des Autors, in seiner Radikalität gegen die Fürsten und die liberale Opposition
abschwächt.
Am 24. April 1835 wird Weidig, der unterdessen als Pfarrer nach Obergleen versetzt worden ist, in seinem Haus verhaftet und nach Darmstadt gebracht. Im Gefängnis ist er Misshandlungen und den Verhören eines sadistischen Untersuchungsrichters ausgesetzt. Trotzdem schreibt er weiter Gedichte und Briefe, darunter sehr bewegende, die an seine Frau und seine Kinder gerichtet sind. Sein letzter, verzweifelter Brief wird nicht an seine Frau weitergeleitet. Sie erhält ihn erst nach dem Tod ihres Mannes. Am 23. Februar 1837, nach fast zweijähriger Haft ohne Gerichtsverfahren, ist Weidig in seiner Zelle gestorben. Mit seinem Blut hat er an die Wand geschrieben: „Da mir der Feind jede Vertheidigung versagt, so wähle ich einen schimpl. Tod von freien Stücken.“